Die Geschichte des Döbelner Riesenstiefels

Das ursprüngliche Schuhmacherhandwerk hat seinen "goldenen Boden" inzwischen verloren – moderne Schuhfabriken befriedigen heutzutage die Massen-Schuhwünsche.
Früher war das alles noch ganz anders. Ende des 19. Jahrhunderts gab es beispielsweise allein in Döbeln über 150 Schuhmacher. Das Schuhmacherhandwerk erlebte eine Blüte und mit ihr der Drang nach Zur-Schau-Stellung handwerklicher Fähigkeiten und Fertigkeiten.
Die Entstehungsgeschichte des Döbelner Riesenstiefels ist nicht mit gekrönten Häuptern verbunden, wie es in Dresden 1889 der Fall war, als 12 Schuhmacher zum 800. Geburtstag vom Königshaus Wettin ein übergroßes Schuhwerk anfertigten und ihren Majestäten zelebrierten. Mit einem "König" seines Schuhmacher-Handwerks aber auf jedem Fall. Das Döbelner Exemplar ist untrennbar mit dem Namen eines Mannes verbunden:

Ferdinand ReichelA F.Reichel

Ferdinand Reichel war Gründer und Ehrenvorsitzender des Sächsischen Schuhmacher-Innungs-Verbandes, zugleich Obermeister der Döbelner Schuhmacher-Innung und kann heute als "Vater des Döbelner Riesenstiefels" bezeichnet werden. Er hatte die Idee dazu und war maßgeblich an deren Umsetzung beteiligt.

Es fanden sich sechs Mitstreiter, die, neben ihm, als sogenannte "Stiefelbau-Kolonne" in die Geschichte der Stadt Döbeln eingegangen sind: Die Meister Gustav Hoferichter, Ernst Schmalfuß, Karl Bräuer und Paul Naumann aus Döbeln sowie Paul Rasser aus Kattnitz und der Merschützer Reinhold Dietze.

Anlass war das 600-jährige Jubiläum der Schuhmacher-Zwangs-Innung zu Döbeln, verbunden mit einer großen Fachausstellung im August 1925.
In insgesamt 750 Arbeitsstunden werkelte die Stiefelbaukolonne von Januar bis August 1925 an dem Prachtexemplar. Unterstützt wurden sie von fast 20 sächsischen Firmen, u. a. der Firma Herm. Ungethüm Nachf. und dem starken Willen, etwas Großartiges zu vollbringen.
10 ganze Rinderhäute für das Oberleder sowie 184 Pfund (92 kg) Bodenleder wurden verarbeitet.
Und die Ausmaße des Döbelner Riesenstiefels verdeutlichen das Geleistete:Urkunde bearbeitet

A Stiefelbauer

Sohlenlänge 190 cm
Sohlenbreite 73 cm
Absatzlänge 45 cm
Schafthöhe 5 m
Schafthöhe  heruntergekrempelt 3,70 m
Stulpenumfang oben 5 m

Das Sporenrad hat einen Durchmesser von 50 cm.
Der Boden ist doppelt genäht mit 20 m Wäscheleine.

 

Die Premiere am 01. August 1925 wurde dann zum erwartet großen Erfolg. Alle bestaunten das Meisterwerk, dessen Zweck die Erbauer mit folgendem Grußwort beschrieben:

"… Wir haben den großen Jubiläumsstiefel … unter großen Mühen und Opfern geschaffen, um unseren Gästen und Hans Sachs zu zeigen, was das Schuhmacher-Kleingewerbe mit eiserner Willenskraft noch zu leisten vermag. Wir wollen damit unserem Nachwuchs ein großes Vorbild sein …"

A FestumzugIn den Folgejahren erlangte der Döbelner Riesenstiefel in Sachsen und weit darüber hinaus Berühmtheit. Auf so manchem Umzug oder Volksfest wurde er stolz gezeigt und war ein besonderes Zeugnis der Döbelner Schuhmacherkunst. 

1946 lässt die russische Besatzungsbehörde den Stiefel aus dem Rathaus entfernen. Er wird im Stadt- und Heimatmuseum Wappenhenschstift in der 2. Etage aufgestellt. Leider wurde in dieser Zeit der wertvolle Riesenleisten zerstört.
Am 19. Mai 1952 schließt das Museum seine Pforten und muss wegen der sowjetischen Kommandantur binnen weniger Tage geräumt werden. Das Museumsgut wird auf dem Dachboden des Rathauses und im Saal des Vereinshauses in der Schillerstraße untergebracht. Der Riesenstiefel steht nun in der Eingangshalle des Rathauses.
Wann der Stiefel aus der Rathauseingangshalle verschwunden ist und im Bauhof eingelagert wurde, ist heute nicht mehr genau nachvollziehbar. Eine Handwerker-Leistungsschau sollte ihn dann jedoch 1957 zu "neuem Leben erwecken".
Vier Leisniger Schuhmacher: Gottfried Lisker, Kurt Frohberg, Fritz Neidhardt und
Walter Kahlert holten den Riesenstiefel nach Leisnig. Anschließend an das Leisniger Heimatfest, wo der Döbelner Riese das absolute Prunkstück war, wurde dieser als Leihgabe Döbelns dem Kreismuseum, der Burg Mildenstein zur Verfügung gestellt. So fand der Döbelner Riesenstiefel im sogenannten "Stiefel-Zimmer" auf der Burg in Leisnig über Jahrzehnte seinen Standort.

Nach 1990 wurden Stimmen laut, die die Eigentumsrechte Döbelns am Riesenstiefel betonten.
Ab 1993 verhandelte die Stadt Döbeln mit der Sächsischen Schlösser- und Burgenverwaltung Dresden und den Verantwortlichen der Burg Mildenstein über die Rückführung des Riesenstiefels. Im Februar 1998 wurde die Eigentumsfrage zugunsten der Stadt Döbeln geklärt und ein langfristiger Leihvertrag mit dem Museum des staatlichen Schlossbetriebes Burg Mildenstein abgeschlossen. Dieser war bis zum 31.12.2012 vereinbart.

Transport 82Durch umfangreiche Umbau- und Restaurationsmaßnahmen auf der Burg, konnte der Döbelner Riesenstiefel vor Ablauf der vereinbarten Leihdauer nach Döbeln zurück gebracht werden.
Am 29. März 2010 verfolgten zahlreiche Schaulustige und Geschichtsfreunde die "Rückholaktion" von Leisnig nach Döbeln. Der Schuhgigant wurde unter dem Blitzlichtgewitter zahlreicher Fotografen von der, auf Kunsttransporte spezialisierten, Dresdner Spedition Hasenkamp verpackt und nach Döbeln transportiert.



Nach 53 Jahren Aufenthalt auf Burg Mildenstein in Leisnig, im 85. Jahr seiner Fertigstellung und ersten Präsentation, steht er nun wieder im Döbelner Rathaus.
Von April bis August 2012 wurde er dann von der Dresdner Lederrestauratorin Beate Rieß und ihrer Mitarbeiterin Stephanie Schonnop umfangreich und in aller Öffentlichkeit saniert. Dabei wurde auch das gesamte "Innenleben" ausgetauscht. Eine maßgefertigte Aluminiumkonstruktion im Inneren gibt ihm seitdem wieder Stabilität. 

Restaurationsbild 1 klein Restaurationsbild 3 klein Stiefelbefüllung
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